Basisprinzipien und Kernqualitäten

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Die Basisprinzipien

Das Bedürfnis, aus dem komplexen pädagogischen Gesamtwerk „Jenaplan“ eine markante Programmatik zu destillieren, ist so alt wie der Jenaplan selbst. Petersen höchstselbst hat dies wohl in einem "Kleinen Jenaplan", wenngleich mit anderer Intention, versucht.

Orientiert am Schulmodell Jenaplan als inhaltliche Bezugsgröße einer pädagogischen Schulreform entstanden unterschiedlichste Schulprogramme, teilweise eklektizistisch zusammengewürfelt (z.B. Marchtaler Plan), teilweise kernkonzeptuell ausgearbeitet. Insbesondere in Bezug auf die Niederlande kann von einem Entwicklungsverlauf einer solchen Programmatik gesprochen werden: Nach der bewundernswerten femme martiale[1] der Niederländischen Jenaplanbewegung Suus Freudenthal-Lutter wurden deren acht Leitgedanken („Minima“) aus den 1970ern von Kees Vreugdenhil und Kees Both et al. weiterentwickelt. Die entstandenen 20 „Basisprinzipien“ wurden von den Niederländischen Jenaplan-Schulen 1990 als schulprogrammatische Grundlage und Fundament einer permanenten pädagogischen Schulentwicklung adoptiert[2].

Die von den beiden federführenden Autoren und Anderen ständig eingeforderte Offenheit oder Interpretierbarkeit „Jenaplan als ontvankelijk grondmodel en als interpreteerbaar streefmodel“[3] ist durchaus bedenkenswert und mutet erst mal wie eine signifikante Portion niederländischen Pragmatismus‘ an. Denn: Um den Prinzipien nicht die Kraft eines Leuchtturms zu nehmen („Hier ist Jenaplan-Land!“), sind sie nur eingeschränkt „empfänglich“ und „interpretierbar“. Ihre Wucht entfalten sie gerade erst als „Felsen in der Brandung“, als „Bojen im Sturm“, die sich nicht von Moden und Maden entankern lassen. Mit solchen „Prinzipien“ ist ein unvermeidbarer antinomischer Widerspruch ins Werk gesetzt: Sollen es echte Prinzipien sein, also korrosionsbeständig widrigen Zeitläuften und Veränderungen Stand halten, gelten sie u.U. als dogmatische Versteinerungen, als bloß romantische Leitfiguren, die niemand mehr ernst nehmen kann oder will. Zeigen sie sich Veränderungen und Ansprüchen gegenüber jedoch als allzu geschmeidig, stellen sie opportunistische Wegmarken dar, die stets den Weg weisen - der ohnehin zu begehen ist. Das ist nicht ungefährlich und wendet sich u.U. in Form einer konzeptuellen Kernschmelze gegen das Ideal selbst: Das Loch frisst den Käse.

Halten wir doch fest. In den niederländischen Basisprinzipien fließen Menschenbild und Gesellschaftsideal in ein Grundgerüst von Schule ein, das zehn wesentliche Leitplanken für ein Jenaplan-Schulverständnis formuliert (Prinzipien 11 bis 20). Damit werden sie auch zu stets bemühbaren Korrektiven bei verlockenden Ausfransungen oder modernistischen Verirrungen, die eine „Schule auf dem Weg“ begleitet. Wann und wie dieser Kanon neu zu denken ist, können lediglich die (echten) Jenaplan-Pädagogen selbst entscheiden.

Die von Vreugdenhil und Both ins Werk gesetzten Prinzipien entfalten ihre Kraft auch durch ihren praktischen Nutzen für Schulentwicklung und Fortbildung, Rückbesinnung und kritische Orientierung nach vorne, durch Identitätsgewinn. Sie wurden häufig durch konkrete Ausführungen, Exempel und nicht zuletzt Arbeitsimpulse für Lehrerfortbildungszwecke sehr effektiv ergänzt.

Kees Both hat in seinem Grundlagenwerk „Jenaplanonderwijs op weg naar de 21e eeuw“ (1997) diese Prinzipien tiefer fundiert, in einen breiteren theoretischen und schulpraktischen Kontext gestellt und so verständlicher gemacht. Oskar Seitz hat 2001 mit Kees Both auf der Basis dieses Werkes[4] die „Interpretationsfähigkeit“ der Prinzipien unter Beweis gestellt, indem er dort gegebene Positionen auf deutsche Schulverhältnisse nicht nur terminologisch sondern auch praktisch übertragen und so auch für deutsche Jenaplanschulen besser zugänglich gemacht hat. Ihm verdanken wir auch den programmatischen Titel „Jenaplan 21“.

Was in Deutschland bisher nicht geleistet wurde, ist eine von Kees Both selbst beklagte separate „Diskussion“ der hochbedeutsamen Jenaplan-Basisprinzipien[5]. Die niederländischen (!) Ausformulierungen wurden wohl von der Gesellschaft für Jenaplan-Pädagogik in Deutschland bereits 1991 dankbar in Empfang genommen, aber eine zumindest interne Diskussion um Gemäßheit, Ergänzungs- oder Veränderungsnotwendigkeit, vielleicht sogar um eine generelle Runderneuerung blieb bis heute aus. Der Autor dieser Zeilen hatte sie mehrfach angeregt.

 

[1] Als solche wird sie zumindest in den bildhaften Erinnerungen ihrer Weggefährten gerne dargestellt.

[2] Both, Kees: Die Jenaplan-Basisprinzipien. In: KINDERLEBEN. Zeitschrift für Jenaplan-Pädagogik, Heft 17/18 Juli/Dez. 2003, S.21-31.

[3] Die etwas unbeholfene Übersetzung „aufgeschlossenes, empfängliches Grundmodell“ soll hier nicht verwendet werden.

[4] Eine erste katastrophale Übersetzung musste verworfen werden, das Werk Boths wurde nicht nur neu übersetzt, sondern auch komplett überarbeitet.

[5] Ebda. Was Kees Both aus welchen Gründen auch immer hier unterschlägt, ist die Herausgeberschaft von Jenaplan 21 durch Oskar Seitz. Wie oben erwähnt wurde in enger Kooperation mit Kees Both eine Neufassung seines Ausgangswerks geschaffen, von Vorwort bis Stichwortverzeichnis wurde das Buch neu editiert, vom Herausgeber inhaltlich aktualisiert und ergänzt. Eines von vielen Beispielen, wie wenig geerdet die Jenaplan-Prinzipien wirklich sind. Für den Umgang der Pädagogen miteinander sind sie anscheinend nicht prinzipiell leitend, obschon Kees Both gerne und häufig betont, Jenaplan sei eine Haltung, die über Schule und Pädagogik weit hinausreiche.

Die Basisprinzipien als Ausgangspunkt für eine zeitgemäße Erziehungsphilosophie 

Über den Menschen

  1. Jeder Mensch ist einzigartig. Deshalb haben jedes Kind und jeder Erwachsene einen unersetzbaren Wert und eine eigene Würde.
  2. Jeder Mensch hat ungeachtet seiner ethnischen Herkunft, seiner Nationalität, seines Geschlechts, seines sozialen Umfeldes, seiner Religion, seiner Lebensanschauung oder seiner Behinderung das Recht, eine eigene Identität zu entwickeln, die durch ein größtmögliches Maß an Selbstständigkeit, kritischem Bewusstsein, Kreativität und sozialer Gerechtigkeit gekennzeichnet ist.
  3. Jeder Mensch braucht für die Entwicklung einer eigenen Identität Beziehungen zu der sinnlich wahrnehmbaren (Natur, Kultur, Mitmenschen u.a.) und zu der nicht sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit.
  4. Jeder Mensch wird immer als Person in ihrer Ganzheit anerkannt. So wird ihm nach Möglichkeit begegnet, und so wird er auch behandelt.
  5. Jeder Mensch wird als Kulturträger und -erneuerer gesehen. So wird ihm nach Möglichkeit begegnet, und so wird er auch behandelt.

Über die Gesellschaft

  1. Die Menschen sollen an einer Gesellschaft arbeiten, die den unersetzbaren Wert und die eigene Würde jedes einzelnen Menschen achtet.
  2. Die Menschen sollen an einer Gesellschaft arbeiten, die Gelegenheit und Anreize für die Identitätsentwicklung eines jeden bietet.
  3. Die Menschen sollen an einer Gesellschaft arbeiten, in der gerecht, friedlich und konstruktiv mit Unterschieden und Veränderungen umgegangen wird.
  4. Die Menschen sollen an einer Gesellschaft arbeiten, die voller Respekt und Sorgfalt mit der Erde und dem Weltraum umgeht.
  5. Die Menschen sollen an einer Gesellschaft arbeiten, die die natürlichen und kulturellen Ressourcen in voller Verantwortung den zukünftigen Generationen gegenüber nutzt.

Über die Schule

  1. Die Schule ist eine relativ autonome, kooperative Organisation aller Beteiligten. Sie wird von der Gesellschaft beeinflusst und hat auch selbst Einfluss auf diese.
  2. In der Schule haben die Erwachsenen die Aufgabe, die oben getroffenen Aussagen über Mensch und Gesellschaft zum pädagogischen Ausgangspunkt ihres Handelns zu machen.
  3. In der Schule werden die Lerninhalte sowohl der Lebens- und Erfahrungswelt der Kinder entnommen, als auch den Kulturgütern, die als wichtige Mittel für die hier beschriebene Entwicklung von Person und Gesellschaft gelten.
  4. In der Schule wird der Unterricht in ‚pädagogischen Situationen’ und mit  pädagogischen Mitteln durchgeführt.
  5. In der Schule wird der Unterricht in einem rhythmischen Wechsel der Bildungs-grundformen (‚Basisaktivitäten’) Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier gestaltet.
  6. In der Schule werden das Lernen voneinander und die Fürsorge untereinander durch eine nach Alter und Entwicklungsniveau heterogene Gruppierung der Kinder stimuliert.
  7. In der Schule erfolgen selbständiges Arbeiten, entwickelnder Unterricht und spielerisches Lernen in einem rhythmischen Wechsel; sie werden ergänzt durch stärker angeleitete und begleitete Lernaktivitäten.
  8. In der Schule nehmen (vor allem im Bereich der ‚Weltorientierung’) forschendes und entdeckendes Lernen sowie Gruppenarbeit eine zentrale Position ein.
  9. In der Schule erfolgt die Verhaltens- und Leistungsbeurteilung eines Kindes so weit wie möglich aufgrund seines eigenen Entwicklungsverlaufs und erst nach einem Gespräch mit dem betreffenden Kind.
  10. In der Schule versteht man Veränderung (und Verbesserung) als einen nie endenden Prozess. Dieser Prozess wird von einer konsequenten Wechselwirkung zwischen Handeln und Denken gesteuert.

Jenaplan Basisprinzipien mit Beobachtungskriterien für die Praxis

Übersetzung: Dr. Oskar Seitz

 

JPS Markersbach Inklusion

Die Kernqualitäten

Die (noch nicht abgeschlossene) „Weiterentwicklung“ der Basisprinzipien hin zur modernen und politisch opportunen Ausformulierung von „Jenaplan-Kernqualitäten“ (Standards) finden wir u.a. auf der website der njpv[1] (hier übertragen von Oskar Seitz).

Sie bilden einen stärker unterrichtsbezogenen Mix aus Basisprinzipien und den seit Längerem etablierten Qualitätsmerkmalen (Jenaplan 21, Kees Both)

  • Erfahrungsorientierung
  • Entwicklungsorientierung
  • Weltorientierung
  • Gemeinschaftsorientierung (Schule als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft)
  • Sinnorientierung
  • Kritisch-konstruktives Bewusstsein bildend

Die 12 „Kernqualitäten“ werden dort (jenaplan.nl) unterteilt in drei Bereiche:

  1. Beziehung Kind – Selbst
  2. Beziehung Kind – Andere(r)
  3. Beziehung Kind – Welt

 

Im Näheren ist darunter zu verstehen:

Zu 1)

Jenaplan-Kernqualitäten

  1. Kinder lernen Qualitäten kennen und einsetzen, so dass sie sich bei der Bewältigung von Herausforderungen kompetent fühlen.
  2. Kinder lernen Selbstverantwortung zu tragen für das, was sie lernen wollen und müssen, treffen Entscheidungen, wann sie Hilfen benötigen und wie sie einen Plan erstellen.
  3. Kinder werden aufgrund ihrer individuellen Entwicklungsfortschritte beurteilt
  4. Kinder lernen über ihre Entwicklung zu reflektieren und darüber mit anderen ein Gespräch zu führen.

 

Schlüsselwörter/ Bedeutung

Dialog des Kindes mit sich selbst

Von der Kraft und dem Wert eines jeden Kindes ausgehen

Recht, sich kompetent zu fühlen. Recht auf Erfolgserlebnisse.

Mit der Zone der nächsten Entwicklung arbeiten [Wygotski]

Bedeutungsvoller Unterricht

Freude am Lernen

Arbeiten mit forschend-entdeckenden Kompetenzen auf der Basis eigener Fragen

Autonomie

Moralische Entwicklung

 

Zu 2)

Jenaplan-Kernqualitäten

  1. Kinder entwickeln sich in einer altersheterogenen Stammgruppe
  2. Kinder lernen zusammen zu arbeiten, Hilfe zu geben und anzunehmen sowie darüber zu reflektieren
  3. Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen und mit zu entscheiden über ihr (harmonisches) Zusammenleben in der Stammgruppe und in der Schule, so dass jeder zu seinem Recht kommen und sich wohlfühlen kann

 

Schlüsselwörter/ Bedeutung

Leben/Arbeiten in einer Stammgruppe und in einer Schule

Sich selbst in der Beziehung zu anderen kennen lernen

Sensibilität für die (nicht) sinnliche wahrnehmbare Wirklichkeit entwickeln

Den Mehrwert von Gemeinschaft entdecken

Den Unterschied zu anderen Kindern erkennen und respektieren

 

Zu 3)

Jenaplan-Kernqualitäten

  1. Kinder lernen in lebensechten, anwendungsrelevanten Situationen
  2. Kinder lernen Fürsorge zu tragen für die Umgebung
  3. Kinder nutzen das schulische Angebot (Weltorientierung), um die Welt kennen zu lernen
  4. Kinder lernen spielend, arbeitend, sprechend und feiernd nach einem rhythmischen Tagesplan
  5. Kindern lernen Initiativen zu ergreifen ausgehend von eigenen Interessen und Fragen

 

Schlüsselwörter/ Bedeutung

Unterricht in sinnvollen, lebensechten, bedeutsamen Bezügen

Vernetzung Kursarbeit und Kernarbeit (Weltorientierung)

Anwendungsrelevantes Lernen

Arbeiten mit Primärquellen („aus erster Hand“)

 

Kees Both gelingt es, auf der Seite der njpv auch die Verschränkung von Basisprinzipien und Kernqualitäten einsichtig darzustellen.[2]

 

[1] http://www.jenaplan.nl/cms/upload/docs/overzicht_jenaplankernkwaliteiten.pdf

[2] http://www.jenaplan.nl/cms/upload/docs/kwaliteitscriteria.pdf

Dabei sind auch erfreulicherweise neue Töne zu hören:
. ‘Er is ook een aspect van conceptbewaking … hoe gaan we om met de Jenaplantraditie en met de actualiteit? Hoe zorgen we er samen voor dat het 'Jenaplangeweten' actief blijft?
Het kan daarbij niet voor iedereen even aangenaam zijn als er kritische vragen gesteld worden over bijvoorbeeld het omgaan met de CITO-eindtoets, e.d. Toch moet deze kant veiliggesteld worden, moet er interne kritiek ingebouwd worden, anders verlies je je bestaansrecht’……
(Hervorhebung: O.S.)