Häufig gestellte Fragen

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1. Können Sie mir Jenaplan-Pädagogik in einem Satz erklären?Bild Häufig gestellte Fragen

Gerne: Die Jenaplan-Pädagogik ist ein traditionell begründeter und zudem hochaktueller, vor allem in den Niederlanden und in Deutschland weit verbreiteter Ansatz der Reformpädagogik (1890/1900 – 1933), der von Peter Petersen in Jena am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft, an der Erziehungswissenschaftlichen Anstalt bzw. an der Universitätsschule Jena entwickelt wurde, und der sich durch betont kindorientierte Auffassungen von Pädagogik und Schule bzw. durch entsprechende Praxismerkmale kennzeichnen lässt, wie z.B. jahrgangsübergreifender Unterricht, rhythmische Wochenarbeitspläne, Leistungsfeedbacks (ohne Noten), intensive Beteiligung der Eltern am Schulgeschehen, ergo lernfreudige, weil interessenbediente und ernst genommene Kinder. [Ein langer Satz, das muss man zugeben.]

  1. Seit wann gibt es überhaupt Jenaplan-Pädagogik?

Peter Petersen hatte 1924 die übernommene Universitätsschule umstrukturiert nach Grundsätzen, die wir heute den „klassischen Jenaplan“ nennen können (manchmal auch als „Jenaplan 1“ bezeichnet). Von dieser Zeit ab können wir von echter „Jenaplan-Pädagogik“ als eigenem pädagogischen Ansatz sprechen. Selbstverständlich haben sich einige Merkmale und Zielsetzungen im Laufe der Zeit geändert, der Sockel blieb jedoch nach Renovierungsarbeiten weitgehend erhalten, so etwa in den „Niederländischen Jenaplan-Basisprinzipien“ (auch „Jenaplan 2“), deren Äquivalent wir in Deutschland so sehr vermissen. Nach unserer Überzeugung wäre ein entsprechendes, auch schulwirksames Programm, das unsere nationalen und regionalen Eigenheiten betont, aber unbedingt nötig. Einen Abriss der aktuellen Konzeption („Jenaplan 21“!) der Jenaplan-Pädagogik finden Sie im gleichnamigen Buch von Kees Both (Hg.: Oskar Seitz), Baltmannsweiler, 2015, 3. Aufl.

  1. Woher stammt der Name „Jenaplan“?

Man weiß es nicht ganz genau. Als Name - das inhaltliche Konzept existierte ja bereits seit Längerem, spätestens seit 1924 – findet der Terminus offensichtlich zum ersten Male auf der „IV. Internationalen Konferenz des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung“ in Locarno 1927 in die Öffentlichkeit. Dort hat Petersen sein Konzept einer allgemeinen, freien Volksschule das erste Mal einem breiteren Publikum vorgestellt. Anekdotisch erzählt man sich, dass zwei Amerikanerinnen bei Petersens Vortrag begeistert in die Hände klatschten und sinngemäß „Oh, that’s Jenaplan!“ in die Menge riefen. Die Zeit der pädagogischen „Pläne“ war es wohl, wie Parkhursts „Dalton-Plan“, Kilpatricks „Projekt-Plan“, oder Washburne „Winnetka-Plan“ (es gibt noch eine Menge weiterer Pläne) zeigen. Petersen bezeichnete die Fassung seines Konzepts als „Der Kleine Jenaplan“ („Der Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule“)und veröffentlichte dieses überarbeitet im selben Jahr 1927. „Plan“ meint, so auch im „Jenaplan“, nichts Anderes als ein geschlossenes, strenger strukturiertes, praktisch orientiertes pädagogisches Konzept; diese (systematische) Geschlossenheit streben wir so heute nicht mehr an. Außerdem ist der Name irreführend, weil er die technizistische Umsetzung eines Konzepts suggeriert, nicht aber die Offenheit in Orientierung und Methodik, wie sie der Jenaplan in Anspruch nimmt.

  1. Wie viele Jenaplan-Schulen gibt es in Deutschland/Bayern?

Jenapanschulen eindeutig als solche zu bestimmen, ist schwierig, manche Schulen arbeiten so etwas wie jenaplanorientiert, andere Schulen, die sich zwar noch Jenaplanschulen nennen, haben sich wieder vom Jenaplan entfernt. In Bayern gibt es mittlerweile zwei „echte“ Jenaplanschulen: Nürnberg und Würzburg. In Deutschland arbeiten zur Zeit etwa 40 Jenaplan-Schulen. [Lies nach unter „Jenaplanschulen“ auf unserer Homepage.]

  1. Wie arbeitet man in Jenaplanschulen?

Gucken Sie sich die Websites der einzelnen Schulen an („Jenaplanschulen“ – jeweiliJPS Markersbach Mikroskopge Links). Sonst bleiben nur Formeln, die den Jenaplan – eine Herzensangelegenheit – nicht einfangen können: entwicklungsorientiert, forschendentdeckend, projektartig, nach Wochenplänen, auch in verschiedenen Kursen, sozial förderlich, kritisch etc. Diese Merkmale werden viele Schulen für sich in Anspruch nahmen, zurecht. Das Wesentliche ist das (gelebte) Leben in diesen Schulen, nicht didaktisches Material und nicht (un)verbrämte Ideologie. Das Leben (außerhalb der Schule) bringt’s, das Leben (innerhalb der Schule) macht’s.

Und: Jenaplanschulen arbeiten überwiegend – aus pädagogischer Überzeugung – als Ganztagesschulen (offen oder geschlossen ist dabei sekundär). Wie eine typische Jenaplanrealisierung aussehen kann, ist auch in „Jenaplan 21“, beispielsweise Kap. 4 und 5, nachzulesen.

  1. Warum gibt eine Jenaplanschule (eigentlich) keine Noten?

Es klingt paradox, ist es aber nicht: Weil wir die Leistung von Schülern fördern wollen. Noten verderben die Leistungsfreude (Freude zu leisten, Freude über sich selbst), die Schüler arbeiten nicht mehr wegen eines bestimmten Arbeitsziels, sondernwegen der Note. Nimmt man ihnen Ängste, Unsicherheiten, und fördert sie in ihren Möglichkeiten, leisten sie gerne und deshalb mehr. Noten als Selektionsinstrument, als Maß der eigenen Leistung am Besser oder Schlechter des Mitschülers, vergiften die Lernatmosphäre, fördern Konkurrenz, Angst und Bornierung. PISA ebenfalls, nur anders und allgemeiner. Deshalb sind Vergleichswerte in PISA auch kein Maßstab für die Qualität der Arbeit in Jenaplanschulen. Noch eins: Der Lehrer tritt primär als Helfer in Erscheinung, nicht (mehr) als Pauker und Notenverteiler. [Guck nach bei „Leistungskultur“ auf unserer Homepage.]

  1. Warum gibt es in der Jenaplan-Pädagogik Stammgruppen statt Jahrgangsklassen?

Wo gibt es denn im wahren Leben Einteilung von Menschen nach Jahrgängen? Beobachten wir Kinder außerhalb der Schule, wo sie leider häufig mehr und lieber lernen als in der Schule selbst, finden sie sich eher altersgemischt zusammen und lernen auf natürliche Art und Weise (im Gespräch, im Spiel etc.). Sie schauen bei anderen Kindern ab (ahmen nach), schlagen etwas vor, fragen, helfen etc. Wenn sich Kinder zu Persönlichkeiten entwickeln sollen, gilt es, sie in der Entwicklung eines positiven (d.h. aber auch sozial kompatiblen) Selbstbildes, zu bestärken. Jahrelang die bedauerte Niete in einer Klasse zu sein, oder aber auch den Blick von oben herab als der/die ständig Bessere zu gewinnen, halten wir für schädliche Tendenzen. Wechsel der sozialen Rolle von Jahrgang zu Jahrgang, nach drei Jahren den selben Prozess wieder durchleben, dies fördert u. E. Verständnis, Achtung und individuelle Stabilität. Petersens Tatsachenforschung, aber auch die Aussagen heutiger Jenaplan-Pädagogen bestätigen, dass die Mischung von drei Jahrgängen die günstigste Form darstellt. Finden Sie in Jenaplanschulen davon abweichende Formen (wie z.B. vier Jahrgänge in einer Gruppe zusammengefasst), sind Sie lediglich Zeuge notwendiger Konzessionen an staatliche Vorgaben (z.B. die vierjährige Grundschule in Bayern), die keine optimale Gruppierungsmöglichkeit erlauben.

  1. Welche Bedeutung haben Eltern in Konzept und Praxis einer Jenaplanschule?
    Eltern Jenaplan

    Eltern an der Rosenmaarschule beim Bau einer Kräuterspirale

Eltern sind echt wichtig, sind vollwertige Partner in einer lebendigen Schulgemeinde. Sie helfen mit, das Schulleben pädagogisch günstig zu gestalten, informieren die Lehrkräfte und informieren sich selbst. Sie helfen im Unterrichtsleben (Lesemuttis, Vatis, Kursleiter etc.) und ergänzen die Gemeinschaft der Stammgruppe durch die Gemeinschaft der Schule. An der Schule sind sie stets präsent, sitzen manchmal sogar als Beobachtende im Unterricht! Ihre Meinung zählt. Konflikte mit Eltern ergeben sich auch an Jenaplanschulen durch die natürliche stärkere Blickrichtung auf das eigene Kind, dessen Förderung und Unterstützung in Absehung oder Relativierung von Bedürfnissen und Interessen anderer; Grenzen der Forderungen finden sich in Regelungen (Ordnungen) der Schule und in der Kompetenz der SchulmeisterInnen.

  1. Was kostet Jenaplan-Pädagogik?

Eigentlich sollte sie nach unseren (politischen) Vorstellungen umsonst (meint: kostenlos) zu haben sein. Viele Jenaplanschulen sind gezwungen, als Privatschulen zu arbeiten, um ihr Konzept verwirklichen zu können, so auch die Schulen in Bayern. Schulgelder sind also für die Existenz und Weiterentwicklung dieser Schulen unumgänglich. Härten werden versucht mit Sozialklauseln aufzufangen. Informieren Sie sich auf den Homepages der einzelnen Schulen. Das Schulgeld ist unterschiedlich hoch und meistens gestaffelt: mit Mittagsbetreuung, mit Nachmittagsunterricht etc.

  1. Wie ist es mit dem Übertritt in weiterführende Schulen nach dem 4. Jahrgang?JPS Markersbach Impression

Nach unseren Erfahrungen in der Regel kein Problem. (Dies mögen Ausnahmen bestätigen.) Jenaplanschüler sind interessiert, aufgeweckt, aktiv, sagen gerne ihre Meinung, Schulen äußern sich positiv über Lernverhalten und die Leistungsfähigkeit der Jenaplanschüler. Jenaplanschulen werden ihrer pädagogischen Verantwortung jedoch erst dann gerecht, wenn sie ernsthaft über die Grundschule hinaus Schule denken und vor allen Dingen machen (wollen). Die Jenaplanschule in Würzburg verdient dabei höchste Anerkennung. Und die Jenaplanschule in Jena kann als (im echten Sinne des Wortes) ausgezeichnetes Beispiel gelten, wie Jenaplanpädagogik im Sekundarbereich (bis hin zum Abitur) erfolgreich gestaltet werden kann. Konzessionen sind dabei allerdings unvermeidbar.

[Guck nach auf der Homepage der Jenaplanschule Jena: www.jenaplan-schule-jena.de.]

  1. Wo kann ich mich weiter informieren?

Spazieren Sie im Internet zu den einzelnen Schulen oder Gruppen, besuchen Sie auch mal die niederländische Internetseite: www.jenaplan.nl oder die Seite der Jenaplangesellschaft in Deutschland: www.jenaplan.eu. Sehr informativ auch das akribisch gestaltete Jenaplan-Archiv: www.jenaplan-archiv.de!

Danke für Ihre Fragen. Die Antworten sind notwendigerweise knapp und unvollständig.

© Oskar Seitz