Jenaplan und die Anderen

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Unterschiede (keine Abgrenzungen) - sehr vereinfachend/pointierend:

Wir wollen betonen, dass trotz der unten aufgeführten Akzentsetzungen dennoch weitgehende Konkordanz der einzelnen reformpädagogischen Ansätze herrscht, etwa in Bezug auf die Orientierung an einer Pädagogik „vom Kinde aus“ (mit unterschiedlichen anthropologischen Begründungszusammenhängen), Allgemeinheit und Freiheit der Schule, Ausbau der Schule bis zu 12/13 Schuljahren, Kern-/Kurssysteme, arbeitspädagogische Methoden, Elternarbeit u.a. Umgekehrt gilt: Der einzelne Ansatz hat sich als spezifischer zu legitimieren, eigene Identität unter Beweis zu stellen; erst auf dieser Basis des Bewusstseins des Unterschieds ist Kooperation fruchtbar.

 

 JenaplanpädagogikMontessori-PädagogikFreinetpädagogikWaldorfpädagogik
Bild vom Kindhumanistisches, realistisches Bild des einzelnen Kindes in Gemeinschaft und Gesellschaft, Bildung und Erziehung, Selbstverantwortung und Teamfähigkeit wesentlichbiologistisches Bild vom Kind, eher individuumszentriert: katholische Erziehungsethik, Selbstständigkeit als wesentliches ErziehungszielBetonung des Eigen-Werts des Kindes (eigene Interessen, Rechte); freie Entfaltung der Persönlichkeit, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung; Lernen als gemeinsames, selbstbestimmtes Tun„anthroposophische“ Weltsicht und entsprechendes Bild vom Kind als – unterstützt durch Schule und Lehrer - sich entfaltendes Geistwesen
GruppierungsformStammgruppen statt Jahrgangsklassenjahrgangsübergreifende Gruppierung wird präferiertPräferenz für Jahrgangsmischung; Klasse als „Kooperative“Ablehnung von Jahrgangsmischung
Klassenraum„Schulwohnstube“, Gruppenraum als Arbeits- und Lebensraumeher Betonung unterrichtlicher Aktivitäten: „vorbereitete Umgebung“ mit gepflegten didaktischen Arbeitsmaterialienverschiedene Arbeitsecken oder -ateliers (Lernumgebung), Gemeinschaftstische, vielfältige Arbeitsmaterialien (Karteien, Druckerei, PCs, ua)eher karge (anthroposophisch begründete) Ausstattung der Klassenräume
Lehrplanflexible Inhalte, grober Lehr- und Arbeitsplan (in den Niederlanden: „school-werkplan“)starke Orientierung an durch Montessori entwickelte und begründete Inhalte (Flexibilisierung)offizielle Lehrpläne werden meist als verbindlich angenommen; individuelle Wochenplänetraditioneller Lehrplan (Hahnemann) mit einer relativ großen Anzahl „historisch geprägter“ Inhalte
UnterrichtsformBetonung forschend-entdeckenden Lernens im Rahmen von „Weltorientierung“ als Unterrichtsfach, „natürliches Lernen“ (Basisaktivitäten Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier)Freiarbeit im Mittelpunkt, oftmals Einzelarbeit, Bindung an didaktisches Material („Hilf mir, es selbst zu tun!“) „Bildung durch Arbeit“ (Kindbetontheit: travail-jeu), selbstständiges Tätig-sein; Freiarbeit durch „Selbstbildungsmittel“ betont aber Lebensbezugstärker durch den Lehrer gelenkter Unterricht (Frontalunterricht),
Lerninhalte und -methodenstarke Orientierung der schulischen Arbeit an aktuellen Inhalten, Ereignissen, Entwicklungen („Das Material ist das Leben“, O.S.); Aufgeschlossenheit für gesellschaftliche und didaktische Innovationen, Kern-Kurs-SystemDominanz klassischer Inhalte und Verfahren (Öffnung teilweise in „kosmischer Erziehung“); weitgehende Fixierung auf „das Material“ und daran gebundene Arbeitsweise, inhaltliche „Angebote“individuelle Wochenarbeitspläne, Wandzeitung, Klassenkorrespondenz, Bibliothek, Erkundungen („Naturbezug“), Klassentagebuch, Druckerei („freie Texte“); Lebensbuch statt Lesebuch oder Fibel; Klassenratstärker am klassischen Kanon von Inhalten orientiert, kaum methodische Innovation, stark lehrerzentriert, Ablehnung von Gruppenarbeit
Sitzordnungfreie, variable und funktionsadäquate Sitzordnungfreie, variable Sitzordnung (aber auch geprägt durch bevorzugte Einzelarbeit)frei und variabel (Gruppentische)Frontalsitzordnung obligatorisch, Hörblock
LehrerrolleLehrer als Begleiter und Berater des lernenden/arbeitenden KindesLehrer tritt im Ideal vollkommen zurück („Bindestrich“ zwischen Material und Kind)Lehrer als Begleiter und Gestalter der Lernumwelt; Gleichberechtigter im „Klassenrat“Lehrer als vorgesetzte Autorität; 8 Jahre Klassenlehrer
SchulformBetonung der Bedeutung der Einzelschule; Schulprogramm und Schulprofil; „offenes Modell“, betont demokratische Orientierungteilweise starke Orientierung am Schulbild Montessoris, weniger politisch orientiert„Einheitsschule“ für alle Kinder von 7-14 Jahren (Freinet); Privatschulkonzeption wird zumeist kritisch gesehen (Regelschule bevorzugt) überwiegend Orientierung an der Schulform nach den Ideen Rudolf Steiners, demokratisierte Schulverwaltung

 

© Oskar Seitz

 

Moritz, Hans: Übergänge an einer Waldorfschule, kein Problembereich!, In: u/e Mai/Juni 2000, S. 148-152.