Kurzfassung der Jenaplan-Pädagogik

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Wir werden häufig gefragt, was Jenaplan-Pädagogik „denn eigentlich kennzeichne“, und man wünscht, dass dies möglichst in einem einzigen Satz zusammengefasst werde. Ein einziger Satz genügt uns nicht, vielleicht kann man aber folgende vier Punkte - the Big Four - als spezifische Merkmale anführen, wohl wissend, dass wir uns damit jedoch an der Oberfläche bewegen:

  1. Eine rhythmisierte Wochenplanung, in der soziales und individuelles Lernen jedem einzelnen Kind ermöglicht werden. Dies heißt einerseits, Basiswissen und -fähigkeiten in individuell angemessener Weise (differenziertes Kurssystem), andererseits Schlüsselkompetenzen (Teamfähigkeit, Kreativität, Kritikfähigkeit) durch Formen des Zusammenlebens (Gruppenunterricht, Feiern, Kreisgespräch) zu vermitteln, deshalb stellt ein wesentliches Moment von Unterricht und Erziehung die Arbeit in
  2. jahrgangsübergreifenden Stammgruppen dar: Kinder arbeiten einen bestimmten Teil des Schultages in Gruppen zusammen, in denen in der Regel drei Jahrgänge gemischt werden. Dadurch werden gemeinsame Prozesse natürlichen Lernens angeregt, Vorteile sozialer Erziehung genutzt, eine positive Persönlichkeitsentwicklung insgesamt gefördert (weniger Druck, Angst, mehr emotionale Stabilität, Neugier, Freude).
  3. Leistungskultur: Wir meinen nicht, dass über Vergleich und Selektion ein optimales Bildungsergebnis, schon gar nicht ein optimales Erziehungsresultat gelingen kann. Tests aller Art, ob national oder international, jahrgangsspezifisch oder auf den Übertritt hin konstruiert, fachspezifisch oder übergreifend, bilden keine günstige Grundlage, um Kinder – die sich durch Unterschiede auszeichnen – besser zu fördern.
  4. Elternschule/Schulgemeinde: Jenaplanschulen stehen Eltern offen, denn sie sind die wichtigsten Partner einer Schulgemeinde.

Dazu braucht es bestimmte strukturelle, aber auch konzeptuelle Voraussetzungen in der Schule. Jenaplan-Schulen lassen sich im Näheren durch folgende Merkmale kennzeichnen:

  1. Betonung des Erzieherischen: Unterricht ist nichts wert oder richtet sich sogar gegen gesellschaftliche Werte und Einrichtungen, wenn er nicht von einem durchgängig erfahrbaren Grundgerüst wesentlicher Werte des Zusammenlebens getragen wird: gegenseitige Wertschätzung, Toleranz, Rücksichtnahme,
    dabei geht es nicht darum, Kinder in einem pädagogischen Schonraum, auf einer weltfremden Insel, aufwachsen zu lassen, sondern – ganz im Gegenteil - unsere Kinder in dieser und für diese Welt stark zu machen. Schwierige Bedingungen sollen sie in Formen situierten Lernens wirksam, selbstbewusst und produktiv bewältigen sowie nachhaltig mit ihnen umgehen können. Vor allem sollen sie motivational für ein lebenslanges Lernen aufgeschlossen werden.
  2. Diese erzieherischen Kernziele können nicht durch herkömmlichen Unterricht, der im wesentlichen von fremdem Interesse gesteuert und methodisch artifiziell konfiguriert ist, erreicht werden. Im Mittelpunkt des Unterrichtslebens an der Jenaplanschule stehen deshalb Grundformen natürlichen Lernens (Gespräch, Arbeit, Spiel, Feier etc.), die der kindlichen Art zu lernen eher gemäß sind, und von lehrerzentrierten, instruktionalen Phasen flankiert werden (siehe unten).
  3. Schule, die in Jahrgangsklassen organisiert ist, kann wichtige (natürliche) Prozesse von Erziehung und pädagogisch wirksamem Unterricht nicht oder kaum nutzen. Prozesse des gegenseitigen Helfens, des Nebenher-Lernens, nicht kompromittierender Unterstützung etc. können nur in jahrgangsübergreifenden Gruppierungen realisiert werden. Die Jenaplanschule arbeitet deshalb mit Stammgruppen, in denen in der Regel drei Jahrgänge zusammen unterrichtet werden. Das damit gegebene natürliche Bildungsgefälle unterstützt sowohl soziale als auch kognitive Lernprozesse.
  4. Der 45-Minuten- oder ähnliche Stundentakt zerreißt Motivation, zerhackt das Lernen der Kinder. Unterricht ist deshalb an der Jenaplanschule in umfassenden Wochenplänen strukturiert, in denen, orientiert am Lernrhythmus des Kindes, projektorientierte Phasen (Kernunterricht in der Stammgruppe), leistungsdifferenzierte Kursphasen (z. B. Einführungskurse in Mathematik, Einschulungskurse in Erstlesen, Freie Arbeit, aber auch Bewegungsphasen, Feiern, Pausen) sich angeordnet finden.
  5. Die pädagogische Wirksamkeit der Jenaplanschule würde konterkariert, wenn die SchülerInnen in der herkömmlichen Weise leistungsmäßig verglichen, also mit Ziffernnoten bewertet würden. Individuelle Lernfortschritte, auch das soziale Lernen („Teamfähigkeit“), die Berücksichtigung von Schlüsselkompetenzen, stehen im Mittelpunkt des Leistungsgedankens. SchülerInnen werden durch den Stammgruppenleiter begleitet, beraten und in angemessener Weise, durch intensive individuelle Rückmeldung (schriftliche und mündliche Berichte), bewertet. Nur auf diese Weise kann sich Leistung optimal entwickeln und gesteigert werden. Insofern ist die Jenaplanschule eine echte Leistungsschule, weil es ihr darum geht, dass Kinder ihre Leistung angstfrei, motiviert und verständnisorientiert erbringen.
  6. Im Mittelpunkt der Arbeit der SchülerInnen stehen Formen des Projektunterrichts (Interessenbetonung, thematische Konzentration, forschend-entdeckendes Lernen, Kooperation) und ähnliche, an einem sinntragenden Gegenstand orientierte Arbeitsformen. Dies bewirkt „sinnvolles“ Arbeiten der Kinder, sie wissen, wozu sie lernen, wofür sie arbeiten, ihre Arbeit ist nützlich. Projektarbeit wird durch „Trainingsphasen“ und Phasen Freier Arbeit ergänzt (s. Wochenplanarbeit).
  7. Effektives, nachhaltiges Lernen kann in kindgemäßer Art vor allem durch entdeckend-forschendes Lernen erfolgen. Kinder bekommen die Gelegenheit, vor allem im Kernunterricht, aktiv, praktisch, ohne einengende Vorgaben, selbst zu entdecken, zu experimentieren, zu forschen, mit den begleitenden Tätigkeiten des Planens (Design) und Reflektierens/Evaluierens („Was habe ich wie herausgefunden? Was könnte ich besser machen?“).
  8. Sieht man Schüler als ganze Personen, wird man ihr Leben außerhalb der Schule besonders wichtig nehmen, da es Verhalten und Interesse in der Schule wesentlich beeinflusst. Jenaplanschulen suchen und pflegen deshalb intensiven Kontakt zu Eltern oder anderen Erziehungsberechtigten, zu Vertretern der Gemeinde etc. Eltern sind notwendiger „Bestandteil“ von Schule, sie sind Partner und Berater, sie nehmen Einfluss und bestimmen in einem gesetzten Rahmen die Geschehnisse an der Schule mit.
  9. Um pädagogisch wirksam arbeiten zu können, sind Verhältnisse von Raum und Zeit signifikante Bedingungen. Vor allem der in Schulgelände und Schulzimmer sich darbietende Lebensraum spielt eine wesentliche Rolle für die pädagogische Arbeit. Kinder müssen sich in ihren Räumen wohl fühlen, sie müssen angeregt arbeiten, sich zurückziehen können, in der gegebenen und herzustellenden Ordnung zusammen leben wollen. Die Jenaplanschule braucht deshalb Lebensräume, die gewaltfreies, konstruktives Zusammenleben befördern (Pflanzen, Möbel, Architektur). Schule ist Arbeits- und Lebensraum!

Grafisch können wir unsere Überlegungen wie folgt zusammenfassen:

Kurzfassung Jenaplan Leistungskultur

Die anthropologischen und schultheoretischen Grundlagen der Jenaplanpädagogik können zurückverfolgt werden bis hin zu den historischen Wurzeln, die wir in Jena ausfindig machen. Professor Dr. Petersen, ein international renommierter Erziehungswissenschaftler hat dort an der Universität: 1923 – 1950 die erste Jenaplanschule aufgebaut. Das weitgehend offene Konzept („offenes Grundmodell“: Suus Freudenthal-Lutter) wird jedoch kontinuierlich aktualisiert und orientiert sich heute u.a. an den „20 Basisprinzipien“ der Jenaplan-Pädagogik, die der Arbeit der niederländischen Jenaplan-Schulen seit ca. 20 Jahren erfolgreich zugrunde liegen.

 

© Dr. Oskar Seitz