Leistungskultur

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Alle wollen, dass Kinder etwas leisten, sogar die Kinder selbst.
Kinder können scheinbar unermüdlich sein, hochgespannt, vollkonzentriert und besessen, etwas zustande zu bekommen (im Sandkasten, am Joystick, an der Hobelbank).
Wie wir diesen Leistungswillen des Kindes, sein Bedürfnis nach Anstrengung und Fertigbringen, fördern und insgesamt zu einer ausgeprägten Leistungskultur kommen können, dies ist für uns als pädagogisch denkende Menschen, eine der wichtigsten Fragen.

  • Eine wichtige Bedingung dabei scheint zu sein, das individuelle Bedürfnis des Kindes nach Entdecken, Arbeiten, Beurteilen, ernst zu nehmen, und ihm Möglichkeiten zu offerieren, diesem Bedürfnis in der Schule nachzugehen.
  • Eine weitere Bedingung ist, Kinder in Ruhe und in der nötigen Zeit, „schaffen zu lassen“ (Peter Petersen). Nur so können zufriedenstellende Leistungen zustande kommen.
  • Zudem sollten Kinder umfassend gefördert, Leistung in allen Dimensionen gesehen werden; bei vielen Kindern blühen oder verkommen Leistungsmöglichkeiten im Verborgenen.
  • Und eine letzte Bedingung: Leistungen von Kindern sollen pädagogisch beurteilt werden, individuelle Leistungsfortschritte angemessen gewürdigt, die Leistung des Anderen ebenfalls wertgeschätzt werden. Angst ist ein schlechter Ansporn für Leistung.

Dazu braucht es bestimmte soziale, strukturelle und materielle Voraussetzungen. Wir meinen, dass die Jenaplanschule diese Voraussetzungen sehr gut bieten kann. Es geht also darum zu klären, warum die Jenaplanschule eine Leistungsschule ist:

  1. weil sie die Leistung des einzelnen in den Mittelpunkt stellt
  2. weil sie ein umfassendes Bild von Persönlichkeit und Leistung besitzt
  3. weil sie die Bedeutung des anderen und der Gruppe für die Leistung des jeweils einzelnen richtig kennzeichnet
  4. weil sie Schule und Lernen so organisiert, dass sich Lernvorgänge optimal entfalten können, z.B. indem sie Interessen und Voraussetzungen der Schüler berücksichtigt
  5. weil sie für die Sicherung eines Basiswissens sorgt
  6. weil sie Stärken und Fähigkeiten der einzelnen fördert
  7. weil sie die Lern- und Lebensumgebung des Schülers in den Leistungsprozess mit einbezieht
  8. weil sie die Bedeutung von Erfahrung und lebensbedeutsamem Handeln für den Lernerfolg des Schülers beachtet
  9. weil sie eine stärkende Lernatmosphäre erzeugt und die falsche Trennung von Unterricht und Beziehungsebene erkennt
  10. weil sie die Gefahren einer unpädagogischen Leistungsbeurteilung ernst nimmt und nach alternativen Formen einer kindgerechten Leistungsbewertung sucht

Und noch ein Zitat des Altmeisters:

"Das Kind aber begehrt noch sehnlichst nach dem Neuen, sieht, hört, ertastet viel, viel mehr als der Erwachsene rings um sich herum und eben auch an dem, was ihm gerade aufgegeben, im Schulraume an Reizen gegeben ist. Seine Neugierde ist mithin noch näher dem echten, tiefen Sich-Wundern, das aller Philosophie Anfang sein soll. Welcher methodische Fehltritt daher, dem Kinde regelgebundene Wege beim Anschauen, beim denkenden Erarbeiten usf. zu weisen und die wachen Sinne für Arbeiten und Aufnehmen in den Schulen matt und stumpf zu machen! Da ist es kein Wunder, daß Kinder außerhalb der Schule wer weiß wie geschickt, klug, wissend, kenntnisreich sein können, aber in den Schulstuben 'dumm', wie ein Allerweltswort voller Gedankenlosigkeit lautet. Das Salz ist in der Tat dumm gemacht, und nun: womit soll man's salzen? ... So ist das Kind zugleich wirklichkeitsnäher als der Erwachsene; das Kind will gerade die Welt kennenlernen, wie sie wirklich ist, nach allen Seiten, mit allen ihm angeborenen Funktionen sie aufnehmen, sie in sich hineinzuholen... (Peter Petersen 1963, S. 143)

 

Siehe dazu auch folgende Veröffentlichung in Kinderleben Juli 1996, S. 5-13: Leistungskultur statt Leistungskult 

 

© Oskar Seitz